DUINESER ELEGIEN - 5DUINO ELEGIES - 5
Rainer Maria Rilketrans. David Lisle Crane
Frau Hertha Koenig zugeeignet

Wer aber sind sie, sag mir, die Fahrenden, diese ein wenig
Flüchtigern noch als wir selbst, die dringend von früh an
wringt ein wem - wem zuliebe
niemals zufriedener Wille? Sondern er wringt sie,
biegt sie, schlingt sie und schwingt sie,
wirft sie und fängt sie zurück; wie aus geölter,
glatterer Luft kommen sie nieder
auf dem verzehrten, von ihrem ewigen
Aufsprung dünneren Teppich diesem verlorenen
Teppich im Weltall.
Aufgelegt wie ein Pflaster, als hätte der Vorstadt-
Himmel der Erde dort wehegetan.
Und kaum dort,
aufrecht, da und gezeigt: des Dastehns
grosser Anfangsbuchstab ..., schon auch, die stärksten
Männer, rollt sie wieder, zum Scherz, der immer
kommende Griff, wie August der Starke bei Tisch
einen zinnenen Teller.

Ach und um diese
Mitte, die Rose des Zuschauns:
blüht und entblättert. Um diesen
Stampfer, den Stempel, den von dem eignen
blühenden Staub getroffnen, zur Scheinfrucht
wieder der Unlust befruchteten, ihrer
niemals bewussten, - glänzend mit dünnster
Oberfläche leicht scheinlächelnden Unlust.

Da, der welke, faltige Stemmer,
der alte, der nur noch trommelt,
eingegangen in seiner gewaltigen Haut, als hätte sie früher
zwei Männer enthalten, und einer
läge nun schon auf dem Kirchhof, und er überlebte den
andern,
taub und manchmal ein wenig
wirr, in der verwitweten Haut.

Aber der junge, der Mann, als wär er der Sohn eines
Nackens
und einer Nonne: prall und strammig erfüllt
mit Muskeln und Einfalt.

O ihr,
die ein Leid, das noch klein war,
einst als Spielzeug bekam, in einer seiner
langen Genesungen.....

Du, der mit dem Aufschlag,
wie nur Früchte ihn kennen, unreif
täglich hundert Mal abfällt vom Baum der gemeinsam
erbauten Bewegung, (der, rascher als Wasser, in wenig

Minuten Lenz, Sommer und Herbst hat) -
abfällt und anprallt aus Grab:
manchmal, in halber Pause, will dir ein liebes
Anthtz entstehn hinüber zu deiner selten
zärtlichen Mutter; doch an deinen Körper verliert sich,
der es flächig verbraucht, das schüchtern
kaum versuchte Gesicht... Und wieder
klatscht der Mann in die Hand zu dem Ansprung, und eh dir
jemals ein Schmerz deutlicher wird in der Nähe des immer
trabenden Herzens, kommt das Brennen der Fussohln
ihm, seinem Ursprung, zuvor mit ein paar dir
rasch in die Augen gejagten leiblichen Tränen.
Und dennoch, blindlings,
das Lächeln.....



Engel! o nimms, pflücks, das kleinblütige Heilkraut.
Schaff eine Vase, verwahrs! Stells unter jene, uns noch nicht
offenen Freuden; in lieblicher Urne
rühms mit blumiger, schwungiger Aufschrift:
"Subrisio Saltat.".
Du dann, Liebliche,
du, von den reizendsten Freuden
stumm ‹bersprungne. Vielleicht sind
deine Fransen glücklich für dich -,
oder über den jungen
prallen Brüsten die grüne metallene Seide
fühlt sich unendlich verwöhnt und entbehrt nichts.
Du, auf alle des Gleichgewichts schwankende Wagen
immerfort anders
hingelegte Marktfrucht des Gleichmuts,
öffentlich unter den Schultern.


Wo, o wo ist der Ort, - ich trag ihn im Herzen -,
wo sie noch lange nicht konnten, noch voneinander
abfieln, wie sich bespringende, nicht recht
paarige Tiere; -
wo die Gewichte noch schwer sind;
wo noch von ihren vergeblich
wirbelnden Stäben die Teller
torkeln.....
Und plötzlich in diesem mühsamen Nirgends, plötzlich
die unsägliche Stelle, wo sich das reine Zuwenig
unbegreiflich verwandelt -, umspringt
in jenes leere Zuviel.
Wo die vielstellige Rechnung
zahlenlos aufgeht.

Plätze, o Platz in Paris, unendlicher Schauplatz,
wo die Modistin, Madame Lamort,
die ruhlosen Wege der Erde, endlose Bänder,
schlingt und windet und neue aus ihnen
Schleifen erfindet, Rüschen, Blumen, Kokarden, künstliche Früchte -, alle
unwahr gefärbt, - für die billigen
Winterhüte des Schicksals.
.........................................................
Engel: es wäre ein Platz, den wir nicht wissen, und dorten,
auf unsäglichem Teppich, zeigten die Liebenden, die's hier
bis zum Können nie bringen, ihre kühnen
hohen Figuren des Herzschwungs,
ihre Türme aus Lust, ihre
längst, wo Boden nie war, nur aneinander
lehnenden Leitern, bebend, - und könntens,
vor den Zuschauern rings, unzähligen lautlosen Toten:
Würfen die dann ihre letzten immer ersparten,
immer verborgenen, die wir nicht kennen, ewig
gültigen Münzen des Glücks vor das endlich
wahrhaft lächelnde Paar auf gestilltem
Teppich?






But who then are they, tell me, the travellers, those fleetinger
than we, whom pressingly from early on wrings
a will for whose sake never to be pleased?
But wrings and bends them, twines and brandishes,
throws and snatches back; as out of oiled,
more polished air they land
on the mat worn thin and thinner for their ever
jumping off
this lost mat in space.
Stuck on it like a plaster, as though suburban
sky had wounded there the earth.
And scarcely there,
upright, there displayed: capital beginning
of the alphabet of standing there ..., and then
the strongest men twirls in jest again always
coming again this grip, as strong August
curled a tin plate at the table.


O and round this centre, the rose of gazing:
blooms and falls. Round this
trampling, stamp struck with its own
blossoming dust, fruited again
with the seeming fruit dislike, never
conscious of it, - gleaming with the thinnest
veneer of lightly seeming smiling
of dislike.

There: the shrivelled, wrinkled stander firm,
the old one, who now only beats his drum,
withered in his outer skin of strength, as though
once were two men in it, one of whom
lay now in the churchyard, and he outlived,

numbly and many a time confused
a little, widowed in his skin.

But the young man as though he had been born

the son of a bull-neck and a nun: taut and strong and filled
with sinewy simplicity.

O you
whom a hurt, still young,
picked up as a plaything, in one of its
long-drawn convalescences ....

You who suddenly shaken,
like commonly fruit, still unripe,
daily in hundreds fall down off the tree
of mutually orchestrated movement (quicker than water
streams
in minutes have spring, the summer, autumn)
fall down and knock against the grave:
often in a moment's pause a loving look
will steal upon you
over at your rarely loving mother,
only to lose itself
somewhere on your body, using up
the surface of a shy and almost
untried face ... And again
claps the man his hand to jerk in motion and
before ever pain comes clearer nearer
the ever thudding heart, comes burning
before upon it, on its starting, of footsole springing
chasing into eyes some body's tears.
And yet, though blindly,
smile.....

Angel! take and pluck it, the small-flowered healing herb.
Keep safe in a pot! Put it where shine upon it
the pleasures that are still not fully ours;
an in a pretty urn
praise it up with flowery epithets:
'Subrisio Saltat.'
You then, pretty one, you mutely
skipping past and come from tastiest pleasures,
perhaps your frills are lucky then for you, perhaps
the green metallic silk forever pampered
feels it wants for nothing but the breasts,
taut and youthful, that it rests against.
You,
on the quivering scales of balance
constantly otherwise,
the fruit of equanimity openly
laid aside beneath your shoulders.

Where then is the place I have at heart
where still it was they could make nothing last,
still fell apart like beasts after casual
copulation; -
where still the weights are heavy;
where still the plates spin off the vainly
swivelling poles ...

And suddenly in this laborious nowhere, suddenly
the ineffable point where pure insufficiency
ungraspably transforms -, shifts shape to be the
blankness of excess.
Where the many-figured bill
cancels to no remainder.

Squares, o square in Paris, perpetual stage
on which the fashionable milliner, Madame Lamort,
consumes, winds up, the endless ribboning
paths of earth,
devising new bows and ruches, flowers, cockades,
- artificial fruits in unnatural colours -
for the inexpensive winter hat of fate.

.........................................................
Angel! that there should be somewhere a stage
we know nothing of, and there
on some unsayable circus mat the lovers
who never manage here the trick of it
should display the high and daring figures
of the soaring heart,
their towers of desire,
ladders long delicately balanced,
quivering against each other
where never was firm ground -
and could do it, spectators round about them,
the uncounted silent dead.
Might these then throw their last
still hoarded coins, the currency of good fortune
strange to us but ever legal tender,
before at last the truly smiling pair
on the stilled mat?

Trans. copyright © David Lisle Crane 1986 - publ. Poetry Durham no. 13


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