NATHAN DER WEISE - III.1 NATHAN THE WISE - III.1
Gotthold Ephraim Lessingtr. William Taylor


RECHA
Wie, Daja, drückte sich mein Vater aus?
"Ich dürft ihn jeden Augenblick erwarten?"
Das klingt - nicht wahr? - als ob er noch so bald
Erscheinen werde. - Wieviel Augenblicke
Sind aber schon vorbei! - Ah nun: wer denkt
An die verflossenen? - Ich will allein
In jedem nächsten Augenblicke leben.
Er wird doch einmal kommen, der ihn bringt.

DAJA
O der verwünschten Botschaft von dem Sultan!
Denn Nathan hätte sicher ohne sie
Ihn gleich mit hergebracht.

RECHA
...............................Und wenn er nun
Gekommen, dieser Augenblick; wenn denn
Nun meiner Wünsche wärmster, innigster
Erfüllet ist: was dann? - was dann?

DAJA
...............................Was dann?
Dann hoff ich, dass auch meiner Wünsche wärmster
Soll in Erfüllung gehen.

RECHA
...................................Was wird dann
In meiner Brust an dessen Stelle treten,
Die schon verlernt, ohn' einen herrschenden
Wunsch aller Wünsche sich zu dehnen? - Nichts?
Ah, ich erschrecke! ...

DAJA
..................................Mein, mein Wunsch wird dann
An des erfüllten Stelle treten; meiner.
Mein Wunsch, dich in Europa, dich in Händen
Zu wissen, welche deiner würdig sind.

RECHA
Du irrst. - Was diesen Wunsch zu deinem macht,
Das nämliche verhindert, dass er meiner
Je werden kann. Dich zieht dein Vaterland:
Und meines, meines sollte mich nicht halten?
Ein Bild der Deinen, das in deiner Seele
Noch nicht verloschen, sollte mehr vermögen,
Als die ich sehn, und greifen kann, und hören,
Die Meinen?

DAJA
...................Sperre dich, soviel du willst!
Des Himmels Wege sind des Himmels Wege.
Und wenn es nun dein Retter selber wäre,
Durch den sein Gott, für den er kämpft, dich in
Das Land, dich zu dem Volke führen wollte,
Für welche du geboren wurdest?

RECHA
................................................Daja!
Was sprichst du da nun wieder, liebe Daja!
Du hast doch wahrlich deine sonderbaren
Begriffe! "Sein, sein Gott! für den er kämpft!"
Wem eignet Gott? was ist das für ein Gott,
Der einem Menschen eignet? der für sich
Muss kämpfen lassen? - Und wie weiss
Man denn, für welchen Erdkloss man geboren,
Wenn man's für den nicht ist, auf welchem man
Geboren? - Wenn mein Vater dich so hörte! -
Was tat er dir, mir immer nur mein Glück
So weit von ihm als möglich vorzuspiegeln?
Was tat er dir, den Samen der Vernunft,
Den er so rein in meine Seele streute,
Mit deines Landes Unkraut oder Blumen
So gern zu mischen? - Liebe, liebe Daja,
Er will nun deine bunten Blumen nicht
Auf meinem Boden! - Und ich muss dir sagen,
Ich selber fühle meinen Boden, wenn
Sie noch so schön ihn kleiden, so entkräftet,
So ausgezehrt durch deine Blume; fühle
In ihrem Dufte, sauersüssem Dufte,
Mich so betäubt, so schwindelnd! - Dein Gehirn
Ist dessen mehr gewohnt. Ich tadle drum
Die stärkern Nerven nicht, die ihn vertragen.
Nur schlägt er mir nicht zu; und schon dein Engel,
Wie wenig fehlte, dass er mich zur Närrin
Gemacht? - Noch schäm ich mich vor meinem Vater
Der Posse!

............
............


RECHA
What, Daya, did my father really say
I might expect him, every instant, here?
That meant - now did it not? he would come soon.
And yet how many instants have rolled by! -
But who would think of those that are elapsed? -
To the next moment only I'm alive. -
At last the very one will come that brings him.


DAYA
But for the sultan's ill-timed message, Nathan
Had brought him in.


RECHA
...............................And when this moment comes,
And when this warmest inmost of my wishes
Shall be fulfilled, what then? what then?


DAYA
...............................What then?
Why then I hope the warmest of my wishes
Will have its turn, and happen.

RECHA
............................................ 'Stead of this,
What wish shall take possession of my bosom,
Which now without some ruling wish of wishes
Knows not to heave? Shall nothing? ah, I shudder.


DAYA
Yes: mine shall then supplant the one fulfilled -
My wish to see thee placed one day in Europe
In hands well worthy of thee.


RECHA
............................................No, thou errest -
The very thing that makes thee form this wish
Prevents its being mine. The country draws thee,
And shall not mine retain me? Shall an image,
A fond remembrance of thy home, thy kindred,
Which years and distance have not yet effaced,
Be mightier o'er thy soul, than what I hear,
See, feel, and hold, of mine.

DAYA
..........................................'Tis vain to struggle -
The ways of heaven are the ways of heaven.
Is he the destined saviour, by whose arm
His God, for whom he fights, intends to lead thee
Into the land, which thou wast born for -


RECHA
............................................................Daya,
What art thou prating of? My dearest Daya,
Indeed thou hast some strange unseemly notions.
"HIS God - FOR whom he fights" - what is a God
Belonging to a man - needing another
To fight his battles? And can we pronounce
FOR which among the scattered clods of earth
You, I was born; unless it be for that
ON which we were produced. If Nathan heard thee -
What has my father done to thee, that thou
Hast ever sought to paint my happiness
As lying far remote from him and his.
What has he done to thee that thus, among
The seeds of reason, which he sowed unmixed,
Pure in my soul, thou ever must be seeking
To plant the weeds, or flowers, of thy own land.
He wills not of these pranking gaudy blossoms
Upon this soil. And I too must acknowledge
I feel as if they had a sour-sweet odour,
That makes me giddy - that half suffocates.
Thy head is wont to bear it. I don't blame
Those stronger nerves that can support it. Mine -
Mine it behoves not. Latterly thy angel
Had made me half a fool. I am ashamed,
Whene'er I see my father, of the folly.

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With thanks to Wikipedia for the translated text.


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