SINGE VON GRIECHENLAND
SING OF GREECE
Kurt Klinger
tr. Anthony Vivis
Reich bist du an Liedern, Nachtigall -
ich bin es nicht mehr.
Ich habe zu singen verlernt.
Deshalb bitte ich dich: sei meine Stimme.
Komm, mir zuliebe, aus den Verstecken im Laub.
Sei furchtlos. Wage dich nahe ans Gitter
meines Gefängnisses. Singe von Griechenland.
Nicht ganz will ich den Trost entbehren,
dass du wortlos aussprichst, was mir die Augen
schwer macht.
Immer ist das ja dein schmerzlichstes
und dein erlösendes Lied:
die Erinnerung an das eigene Haus,
und wie leicht ich damals das eigene Leben ansah.
Ich war beschützt, obwohl ich den Schutz nicht spürte.
Jetzt erst, da mir jede Würde genommen ist
und ich weniger gelte als Wasser,
in dem man die Hände wäscht nach der Mahlzeit,
jetzt kann man mich fragen, was Freunde sind
und Brüder - und die Tanz beim Hyakinthosfest,
und die Stimme der Mutter, wenn sie im Schlaf
vor sich hinsprach, immer mit uns beschäftigt.
Nie, dachte ich, könnte mir geschehen,
was jetzt doch mit mir geschehen ist.
Ich werde in Gefangenschaft sterben,
Ohne das Unscheinbare,
das die Verkleidung des Glücks ist,
nach seinem Wert geachtet zu haben.
Komm, Klagegefährtin - du kannst es besser sagen
als ich.
You are rich in songs, nightingale -
I no longer am,
Iíve forgotten how to sing.
And so I ask you: be my voice.
For my sake, stop hiding among the leaves.
Donít be frightened. Come close to the bars
of my prison. Sing of Greece.
I need some of the solace
that you express without needing words, that makes
my eyes heavy.
Always your most agonizing song
- and the one that redeems me - is this:
my memories of the house I had,
the ease with which I lived life then.
I was sheltered even though I did not feel protected.
Only now, when I have lost all dignity -
less valued than the water
you wash your hands in after eating -
now you can ask me what friends are
and brothers - and the dances of the festival of Hyacinthus,
or the voice of mother talking to herself
asleep, always anxious for us.
Never, or so I thought, could I experience
what I am now experiencing.
I shall die in prison
without ever having fully
valued all those ordinary things
in which real happiness is cloaked.
Come, my companion in sorrow, you say it so much
better.

Trans.Copyright © Anthony Vivis 2002


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