PASSION PASSION
Dorothea Grünzweig trans. Derk Wynand
Der Garten dichtumwachsen
hinterm Pfarrhaus
das Grüngeschäum
der erste Kniestrumpftag sind
uns zu Kopf gestiegen
wir bauen Tuchpaläste zwischen
die Äste der Holunderbüsche warten
in Faltenröcken auf Prinzen
die uns finden uns frein und
schaukeln uns inzwischen
den Winter aus dem Leib

stossen ab und fliegen fallen
toben neu hinauf und
ritzen einen Schrei ins Blau
sind wir ganz oben
schleudern Frühlingslieder in
heckversteckte Nachbargärten

Da öffnet sich das Fenster
überm Tücherschloss der Vater
in Schwarz ruft uns in leisem Ton
herüber die Stimme jagt ins
Mark hinein
Ich bitt euch es ist Karfreitag
Todesstunde kommt herauf
Wir hören hinter ihm
das dunkle Cherubsrauschen
im Amtsgemach in dem Verborgenen
wir sehn das Mal der Hand
und Scham befällt uns

haben nicht des Schmerzensmanns
gedacht wir schultern sie und
tragen sie die Kellertreppe dann
die Geländertreppe hoch zur
guten Stube

Die Mutter in der Feiernische
die Bibel hingesunken
wundes Lamm Blutstropfen aus
der aufgeschlagnen Seite
der Vater betet beugt sich drüber
spricht singt die Matthäusworte
wiegt den Oberkörper heiligt
die Laute das R aus dem die Funken
stieben die Majestät des Ts
die hehren Äs und Ös

Wir in Angst denn vor uns
aufgerichtet schwankend das Kreuz
Kindsopferung die Schrifterfüllung
Schmach Kampf des Sterbenden der Vater
bündel seine Stimme bricht in dieser
neunten Stunde Finsternis es ruft nach
Gott Gott ist verschwunden
Tod erst tobende dann
linde Stille
Da ist's wir sehn's durchs Wimperngitter
wie wenn vom Gräabergarten her
Gemeindeälteste verklärt vor
unsrer Schar erschienen
zergingen

Die Überwältigung hängt noch im Raum
doch wenn der Vater aufschaut
spielt etwas Auferstandnes ein Viktoria
in seinen Augen wir lassen Blicke frei
kleinlippig lächeln wir zuerst
holen dann aus die Mutter
wankt zum Fenster
reisst es auf schlingt
Licht in sich
das talweit Glocken
zu uns wälzen wir tun's ihr nach
schon gartengierig der Vater nimmt
die Schrift gestillt zu sich
und heiteren Schrittes versöhnt
mit Glaube Kindern
zieht er sich zurück

Wir schaukeln
wir sind flaumgewichtig
noch durchwirkt
wir fliegen hoch zum Blau
wehen herab
und steigen auf
dann lösen unsere Bretter
sich mit uns von ihren Seilen
machen sich auf zunächst
zum höchsten Birnbaumast
und heben ab
The garden thickly overgrown
behind the parsonage
the foaming green
and the first knee-sock day all
went to our heads
were building cloth palaces between
the branches of the elder bushes waiting
in pleated skirts for princes
to find us to woo us and
in the meantime swinging
the winter out of our bodies

pushing off and flying falling
raging up again and
notching a shriek into the blue
right at the top
slinging springtime songs into
hedge-hidden neighbouring gardens

Then the window opens above
the cloth palace Father
in black calls us over in a quiet
voice the sound goes straight
to our marrow
I ask you sincerely children
compose yourselves it is Good Friday
the hour of death come up
Behind him we can hear
the dark cherub-rustling
in the official chamber in the obscure
we see the stigma of the hand
and shame comes over us
we have not given the man of sorrow
any thought we take it upon ourselves and
carry it up the cellar steps then
the handrail steps up to
the living room

Mother in the festive niche
the Bible sagging wounded
lamb drops of blood from
the open page
Father prays bending over them
speaks sings the Matthew text
sways his torso consecrates
the sounds the R from which sparks
fly the majesty of the T
the exalted As and Os

Us afraid because raised
in front of us swaying the cross
sacrificed child scripture fulfilled
disgrace the dying man in agony the Father
a bundle his voice breaks in this
ninth hour of darkness it calls for
God God disappeared
death raging later
gentle stillness
There it is we see it through the eyelash-grid
as if transfigured elders of the church
appear before our flock
from the grave-garden
then fade away again

Defeat still hanging in the room
yet when Father looks up
something arisen victory flashes
in his eyes we set our gazes free
we smile tight-lipped at first
then more expansive Mother
staggers to the window
throws it open
gulps down light
that bells across the valley
roll to us we copy her
already garden-eager Father
sated takes the scripture up
and stepping cheerful reconciled
with faith with children
he withdraws

Weighty as fluff
were swinging
still interwoven
we fly bluewards
flutter down
rise up
then from their ropes
our boards release with us
make for the highest
pear tree branch
lift off

Copyright © Dorothea Grünzweig; trans. copyright © Derk Wynand

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