DER HIRTENKNABE VON LENBACHTHE YOUNG SHEPHERD BY LENBACH
Elisabeth Borcherstr. Eva Bourke
1

Mein Bild, das nie mir gehörte,
hing im Studierzimmer meines Onkels
unweit des leicht angehobenen Kopfteils
einer Liege zu Ruhezwecken,
so dass sich der Ruhende
ein Bild machen musste.

Während der Onkel studierte
betrachtete ich liegend
die schmutzigen Füsse des Knaben
auch die unordentliche Kleidung
mit Befremden
und mein reinliches Kleid.
Ich prüfte die unbewegliche Hand
über den Augen.
Darüber wurde es blau
und ich fürchtete mich.

2

Nach Jahrzehnten sehe ich ihn wieder.
Das war gestern, unerwartet,
das blieb von einem alten Pfarrhaus,
überm Kirschbaumsekretär.

Der Knabe heil ganz ohne Riss.
Der Knabe der da hat gesiegt.
Der Knabe überlebt.

Und über ihm und immer noch
der antwortlos vom Blau
verstellte Himmel.
1

My painting that was never mine
hung in my uncle's study
near the slightly raised head rest
of a chaise longue,
so that whoever reclined there
had to take note of it.

While my uncle worked
I lay and regarded
the boy's dirty feet
and untidy clothes
with displeasure
then my clean dress.
I examined his motionless hand
resting on his eyes.
Above it everything turned blue
and I was afraid.

2

Decades later I see him again.
It was yesterday, unexpected,
relic from an old vicarage
over the cherry-wood desk.

The boy intact without a scratch.
That boy there was triumphant.
That boy survives.

And above him and answerless
as ever the sky
disguised by blue.

Copyright © Suhrkamp Verlag 1986; Trans. Copyright © Eva Bourke/The Dedalus Press 2002 - publ. Dedalus Press


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